Endlich hinhören
Die Ausstellung will Opfer staatlicher Intervention nicht zu Objekten einer Ausstellung machen. In ENFANCES VOLEES - VERDINGKINDER REDEN treten ehemalige Heim- und Verdingkinder als Bürgerinnen und Bürger mit Erfahrung auf, die etwas zu sagen haben.
Als Besucher begegnet man den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht sofort, sondern kommt ihnen in mehreren Schritten allmählich näher. Dies entspricht dem schrittweisen Entdecken eines tabuisierten Teils unserer Geschichte bzw. eines oft tabuisierten Teils im Leben ehemaliger Heim- und Verdingkinder. Die Beschäftigung mit dem Thema erfordert eine gewisse Bereitschaft, sich auf ihre Geschichten einzulassen – je länger man es tut, umso schärfer werden die Konturen.
Im ersten Teil der Ausstellung erfahren wir von andern, die sich damals für platzierte Kinder eingesetzt haben, vom Schicksal der Heim- und Verdingkinder zu verschiedenen Zeiten. Dann lesen wir Zitate von Betroffenen selbst über den Tag, an dem sie von zuhause weggeholt wurden. Im Zentrum der Ausstellung stehen die Hörstationen mit den Stimmen ehemaliger Heim- und Verdingkinder: In Interview-Ausschnitten erzählen sie von ihrer Kindheit in Heimen und Pflegefamilien, von Schule und Dorf, von ihren Erfahrungen mit Behördenvertretern und wie es ihnen in den verschiedenen Situationen erging. Dann beschäftigen wir uns mit Strategien, mit denen sie als Erwachsene ihr Leben meistern, und begreifen dadurch, wie prägnant diese Art von Kindheitserfahrung sein kann. Erst danach begegnen wir einigen ehemaligen Heim- und Verdingkindern mit Namen und Gesicht: Stellvertretend für andere Betroffene, die lieber im Hintergrund oder anonym bleiben wollen, äussern ehemalige Heim- und Verdingkinder in Video-Aufnahmen ihre Wünsche zum Umgang mit Kindern, die heute ausserhalb ihrer eigenen Familie betreut werden müssen. Am Schluss öffnet die Ausstellung den Blick auf die Gegenwart: Was sind heute die Schwierigkeiten bei der Fremdplatzierung von Kindern? Wo liegen Gründe dafür, wenn es heute zu Missständen kommt?